Zerrspiegel

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Ich gehe soweit die Meinung zu vertreten, dass fast alle gesellschaftlichen Probleme vor denen wir stehen, aus dem Umgang der Eltern mit ihren Kindern hervorgehen.

Ich bin mir durchaus bewusst darüber, mit dieser Ansicht auf Ablehnung zu stoßen, und dass ich mit dieser Aussage nicht direkt zum Brückenbauer werde. Die Abwehr von dieser Betrachtungsweise, die so unverblümt gesagt, sehr viele Menschen abwehren wird, ist mir aber, und genau deswegen ein Anliegen. Mir ist auch klar, dass es wie immer zwei Seiten der Medaille gibt und man die Dinge nicht schwarz – weiß betrachten darf. Es handelt sich tatsächlich nie um die Extreme der Polarität, sondern immer um Abstufungen. Die Welt ist in Graustufen zu werten, oder besser, sie ist bunt.

Ich werde somit versuchen eine Brücke zum Verständnis meiner Sichtweise zu bauen.

Aus den historischen Aufzeichnungen ist leider und vor allem seltsamerweise, nicht viel über die Kindheit in der Vergangenheit zu erfahren. Der Begriff Kindheit war im Mittelalter noch nicht wirklich vertreten und der Übergang zwischen Kind und Erwachsenen nach unserem Verständnis eher fließend, als dass er, wie heute, durch scharfe Ränder einer Definition determiniert ist. Es lag in der Natur der kindlichen Entwicklung, wann das Alter der heute definierten Kindheit endete. Es war die Zeit des zweiten Zahnens, die diese Grenze zog.

Wenn die Rede von Kindern und deren Rolle, oder deren Behandlung bis Misshandlung geschildert wurde, dann arg verklärt, mit Rechtfertigungen gespickt, weshalb eine Maßnahme gegenüber Kindern einen Anspruch auf Recht erhob. Darstellungen von Sozialhistorikern zeigen oft den nahezu willfährigen Anspruch der wohlwollenden Züchtigung. So wird aus überlieferten Beschreibungen abgeleitet, dass die Mutter, die Ihr Kind zur Züchtigung mit dem Riemen schlug, dies doch aus Liebe getan hatte. Eine Geschichte der Kindheit wurde nie wirklich geschrieben, sie wurde von Sozialhistorikern aus beiläufigen Büchern und Bildern verstanden, durch den von Normopathie verklärten Blick interpretiert und entbehrt somit einer tatsächlich historischen Geschichtsschreibung. Das was uns bekannt ist wurde also von Soziologen aus deren Sicht interpretiert und abgeleitet. Geschrieben wurde die Geschichte der Kindheit jedoch nicht.

Lloyd deMause beleuchtet dies und erschreckend viel mehr in “Hört ihr die Kinder weinen” (Foto). Der Konsens, der sich aber nach kurzer Zeit erhebt und was auch immer wieder und doch ungeachtet an das Tageslicht kommt ist, dass was sich in der Aussage Augustinus niederschlägt:

“Gebt mir andere Mütter, und ich gebe euch eine andere Welt”,

Lloyd deMause, “Hört ihr die Kinder weinen”

Offenkundig erhärtet sich diese antike Aussage und findet in vielen Disziplinen bestätigende Resonanz.

Ob:
Prof. Dr. Arno Gruen (Psychiater, Psychoanalytiker),
Dr. Hans-Joachim Maaz (Psychiater, Psychoanalytiker),
Prof. Dr. Gunther Moll (Kinderpsychiater),
Michael Hüter (Kindheitsforscher),
Prof. Dr. Gerald Hüther (Neurobiologe),
Prof. Dr. Franz Ruppert (Psychotraumatologe),
oder der Film “Systemsprenger”, sie alle sprechen unisono genau dies aus.

Wie bereits erwähnt, möchte ich dies nicht einseitig betrachtet so stehen lassen, bedarf es ja immer zwei, oder mehrerer Perspektiven. Natürlich ist die Aussage auch im Umkehrschluss standhaft. Gebt mir eine andere Welt und ich gebe euch andere Mütter, ist es doch eine Täter – Opfer – Dynamik die sich stetig umwälzt und die Opfer zu Tätern werden lässt.

Menschen sind Täter, da sie Opfer waren. Opfer werden durch Projektion und Reinszenierung zu Tätern.

Wenn wir etwas verändern wollen müssen wir bei uns anfangen.

Erkenne dich selbst, ist wohl und schon lange eine Herausforderung vor der wir stehen.

Wir lernen viel über den Umgang mit anderen, doch der Umgang mit uns selbst fristet ein Stiefmütterchen Dasein, wobei erst ein guter Umgang mit anderen möglich ist, wenn wir einen guten und vor allem liebevollen Umgang mit uns selber pflegen.

Seit Jahrtausenden entfernen wir uns immer wieder von uns selber und geraten durch eine Dynamik der Eltern – Kind – Beziehung, als Täter – Opfer Dynamik, in einen Sog des Selbstverlusts.
Wir haben uns von uns selber entfernt, unsere Identität verloren.
Haben uns von uns abgespalten um nicht dem ausgesetzt zu sein was uns so sehr verletzt hat. Wir waren einer Bedrohung durch einen Schmerz ausgesetzt gewesen, dass wir nicht mehr erinnern können um uns selber zu schützen. Mit der Abspaltung dieses bedrohlichen und schmerzhaften Umstands ist uns der Zugang entzogen, ein erinnern nicht ohne Weiteres möglich, so dass wir diese Bedrohung nicht wieder in unsere Bewusstheit treten lassen.

Das Trauma der Identität lässt uns außerhalb von uns, als Fragment eines Ganzen, nach Identifikation, nach Ganzheit suchen. Es ist das Streben nach Einheit, die Suche nach dem Rest von uns. Doch anstatt sich dem Inneren zuzuwenden, wenden wir uns dem Außen zu, dem Schutz der Verdrängung ausgeliefert, dort nicht mehr der Bedrohung ausgesetzt zu sein und der Verirrung uns im Außen zu finden.

Es mag uns nicht so vorkommen und viele werden nun sagen, dass dies bei ihnen nicht der Fall ist. Dies möchte ich an dieser Stelle auch erstmal so stehen lassen und würde trotzdem gerne meine Sichtweise weiter ausführen.
Die Abspaltung der Psyche, das Traumata erfolgt als Schutz des eigenen Lebens und geschieht meist und erschreckend normal im frühkindlichen Alter, wenn die Schutzbedürftigkeit am höchsten ist.

Dem Kind das nichts auf dieser Welt kennt und noch keine Erfahrungen außer der Geburt und der Erfahrungen im Mutterleib hat, mit der es neun Monate auf das innigste Verbunden war, ist das Bestreben wieder mit seiner Mutter verbunden zu sein ein so existenzielles Bedürfnis, dass die Trennung eine lebensbedrohliche Situation darstellt. Diese Verbundenheit und die Trennung der Geburt lassen in uns die Sehnsucht nach Verbundenheit aufkeimen.

Weint ein Kind im frühkindlichen Alter und verlangt nach seiner Mutter und bekommt dieses entscheidende, lebenswichtige Bedürfnis nicht befriedigt, wird es zum Schutz des Lebens, dieses Bedürfnis abspalten und verleugnen. Das Kind stellt das verlangende Schreien nach seiner Mutter ein und beginnt fortan ein durch dieses Trauma fragmentiertes Dasein, ohne Ganzheit seiner Psyche, welche ihm die Einheit der Identität geben würde. Die Abspaltung eines Teils der Psyche, eines Teils von sich, macht es unmöglich sich als Eins in einer Identität zu erleben.
Dieses verdrängte Bedürfnis ist aus der Bewusstheit verdrängt, jedoch nicht verloren. Es bricht sich lebhaft immer wieder Bahn und besteht als subtiles Gefühl, jenseits der Erkennbarkeit voran. Ein Gefühl der Traurigkeit nicht erfüllter Liebe und Zuwendung, welches sich im Anspruch eines nicht enden wollenden Hungers immer wieder an der Oberfläche bemerkbar macht. Ebenso macht sich Wut breit, welche an die Mutter gerichtet, jedoch durch mangelnde Klarheit, seine Projektion im Außen findet. Wut auf das im Außen was sich dort anbietet und auch nur im geringsten eine Oberfläche zur Kondensation bildet, auf die es durch Projektion wütend sein kann. Ist keine Oberfläche vorhanden, welche zur Kondensation dienen könnte, wird eine Situation geschaffen in der dann Wut ihr Recht gefertigt bekommen kann. Die Wut kanalisiert sich in der Reinszenierung einer passenden Situation und bildet als Grund der Wut eine Erklärung.
Symptomatisch zeigt sich dies in überspitzten Empörungen, die der eigentlichen Grundlage nicht entbehren, aber viel zu viel ins Gewicht gehen. Eine offene Zahnpastatube kann somit zur Scheidung einer Ehe führen.

So versuchen wir im Außen unseren Mangel und unsere Empörung durch Ersatz und Stellvertretern eine Kompensation zu bieten, werden aber der vergebenen Bedürfnisse nicht mehr gerecht. Egal wie viel wir essen, wie viele vermeintlichen Wünsche wir uns erfüllen, es macht uns nicht satt, wir wollen mehr. In der Verblendung verhaftet, diese Surrogate würden uns Befriedigung verschaffen, würden uns das geben können was wir, als es wichtig war, nicht bekommen hatten.

Mit zwei Sehnsüchten werden wir geboren, welche wir aus der Neurobiologie ableiten können.
Das Gehirn als neuronales Netzwerk bildet innerhalb der neunmonatigen Schwangerschaft im Mutterleib bereits Strukturen aus, die eine Repräsentanz und Entsprechung der Situation im Mutterleib darstellt.
Zum einen stellt sie die innigste Verbindung da, die ein Mensch jemals hatte und haben wird – die Verbindung zu seiner Mutter.
Zum anderen etabliert das neuronale Netz, aus dem Wachstum an sich und der Tatsache, mithilfe der Rezeptoren und entstehenden Muskeln Erfahrungen mit dem eigenen Körper zu machen. Es begreift die Glieder des Körpers als etwas das durch Spüren und steuerbare Bewegungen miteinander interagiert. So lernt es die Koordination der Glieder, was einem Prozess des Lernens entspricht und somit der stetigen Erfahrung über sich hinaus zu wachsen.

Aus diesen Umständen entsteht zum einen das Bedürfnis nach Verbundenheit und zum anderen das Bedürfnis nach Wachstum.

Wird das Bedürfnis nach Verbundenheit durch das Trauma der Identität in der Form abgespalten, dass es nicht zur Verbindung mit der Mutter kommt. Bildet sich, wie oben beschrieben, der Drang heraus, durch einen Ersatz dem ungestillten Verlangen eine Befriedigung zu verschaffen, was sich vor dem Ausbleiben der ursprünglichen Befriedigung des Mangels der Liebe, als Gier nach Sugguraten zeigen kann.
Das Bedürfnis nach Wachstum bleibt bestehen und bildet mit der Gier der unbefriedigten Liebe einen Hunger aus, der sich in der Gesellschaft als Machthunger und streben nach unendlichem Wachstum zeigt.

Umgekehrt, wenn das Wachstum traumatisiert wurde und ein Kind nicht in seine Potentialität einen Weg finden darf um sich zu verwirklichen, wird dieses Bedürfnis abgespalten. Das Bedürfnis nach Verbindung wird vor dem Hintergrund des eigenen Stillstandes bis in die völlige Selbstaufgabe getrieben. Es entsteht als Symptom, die Eigenschaft der Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe. Das Trauma der Liebe.

Nehme ich diese Erkenntnis zu Grunde ist es mir ein Anliegen darauf aufmerksam zu machen. Denn Kinder im schutzbefohlenen Alter sind die schwächsten der Gesellschaft und dienen als Projektionsflächen der übermächtigen Erwachsenen und vor allem der Eltern.
Dies ist die Aussage die mich selber, vor dem Hintergrund der Erkenntnis, mehr als erschreckt, doch die Umstände der frühkindlichen Störungen, der Normopathie, geschildert durch Menschen, die ich bereits namentlich erwähnte, die sich tagtäglich mit diesem Thema auseinandersetzen sprechen eine eindeutige Sprache.
Unbedingt zu erwähnen ist nochmal, dass es sich um eine Täter – Opfer – Dynamik handelt und die Täter selber Opfer waren.
Es gilt diese Dynamik zu durchbrechen, eine Welt zu schaffen, die nicht Väter und Mütter als deren Opfer, sie zu Tätern werden lässt.
Solange wir uns nicht dieser psychologischen Mechanismen im Klaren sind und nur Handeln, sind wir nur bedingt für unser Handeln, im Sinne von: vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun, verantwortlich. Wofür wir allerdings alle direkt verantwortlich sind, ist uns bewusst zu machen was wir tun, denn wir können uns in Achtsamkeit üben.

Wir erkennen diese Muster bei uns selber nicht, und gerade deswegen, wenn sie vorhanden sind. Und sehen wir es doch einmal, so drehen wir uns schnell um und verleugnen was wir erkennen.
Wir sind Zeit unseres Lebens auf der Suche nach uns in der Außenwelt und glauben mit Identifikationen dort eine Identität ausbilden zu können. Tatsächlich sind wir aber bereits da und haben uns von uns selber abgewendet, da der Schmerz zu groß ist den wir ertragen müssten.
Wenn wir wieder eins werden wollen und aus dem Suchen ein Finden werden soll, müssen wir das Tal das vor dem Berg liegt annehmen. Der Schmerz gehört zu uns und ist vor dem Hintergrund unserer Reife nicht mehr lebensbedrohlich.
Wir können uns diesem Schmerz stellen und gesunden, denn er bedroht nicht mehr unser Leben.
Dieser Schmerz ist nur ein Gefühl, und er wird auch wieder gehen. Das was er hinterlässt sind wir, bist du. Eins, dass was wir alle so lange gesucht haben.

Schauen wir in den Spiegel, wollen wir es nicht sehen, denn es tut weh, daher schauen wir weg.

Han Pint drückt es wie folgt aus:

“Es will nicht gesehen werden.
Es kleidet sich in falsche Namen und tut alles erdenkliche, um nicht erkannt zu werden.
Siehst du es, dann sieht es Dich, und das ist das Schlimmste was du ihm antun kannst,
Ihm den Spiegel vorhalten.
Für einen Moment tritt es aus den Menschen einen Schritt hervor, nackt steht es da,
und wir beide sehen es.
Die große Chance, nenne es bei seinem wahren Namen, behalte es in den Augen.
Nur ein Moment der Verleugnung reicht, und schon kehrt es zurück zu Dir.
Die Show beginnt von vorne.”

– Zitat: Han Pint –

SvS – 21.02.2020






Ein Kommentar von Franz Ruppert, via Tagesdosis von KenFM:

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