Mitläufer

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Die Nationalsozialisten haben nicht durch Überzeugung ihrer Bewegung Energie verliehen, sondern durch das Mitläufertum der Masse. Zwar ändert es nichts an den Tatsachen, aber es erklärt das gegenwärtige Verhalten.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine Entnazifizierung angestrebt. Nach der Teilung Deutschlands wurde im Osten die Auffassung indoktriniert, im Sozialismus der bessere Mensch zu sein, ganz im Gegensatz zu den Menschen mit westlichen Wertvorstellungen und den dort vertretenen Ideologien. Überzeugte Idealisten verschwinden aber nicht einfach. Wo waren die Nazis nun hin? Hatten sich deren ideologische Überzeugungen mit dem Wind, einer Fahne gleich gedreht, oder waren es keine Überzeugungen? Ideologien und die damit einhergehenden Idealisten sind in meinen Augen eher die Seltenheit. Vielleicht sind es die Intellektuellen Kreise, die den Anspruch durch ihre Haltung vertreten. In der Tat schätze ich aber den überwiegenden Teil der Menschen so ein, dass sie weder Idealistisch eingestellt, noch eine Ideologie mit einem Anspruch in ihrer Haltung vertreten. Eher sind es banale Zwänge, welche Gruppen und Gemeinschaften mit sich bringen, die, damit einhergehend, neurotische und damit pathologisch eingeschwungen sind.
Das Anpassen an die vorherrschende Meinung, und Meinungen werden indoktriniert, stellt den Bestand da, der die Umstände seinerzeit ausgemacht haben. Mitlaufen und nicht anecken. Politische Korrektheit und der aus dem psychologischen Komplex erwachsene Gehorsam, macht den Mitläufer zur befüllbaren Hülse, die weit entfernt von einer Ideologie, oder gar Idealistischen Haltung, willfährig in seiner Überlebensstrategie ein Dasein fristet und jenseits einer Naziideologie auch nicht entnazifiziert werden muss. Näher gilt es sich der psychologischen Mechanismen bewusst zu werden, um sich als Mitläufer die Möglichkeit der Heilung zu einem Selbstläufer zu erschaffen. Ferner wird sich die Entnazifizierung in soweit als gegenstandslos erweisen, als das sich die Hülse bei entsprechenden Druck von außen, gleich wieder mit der nächsten Füllung aufbläht.

Nun schaue ich mich um und erkenne nicht wirklich eine Veränderung. Menschen halten sich bis in den vorauseilenden Gehorsam an die Maß geregelten Anweisungen, immer bereit um sich in aller politischen Richtigkeit dafür einzusetzen, dass alle anderen ebenfalls nun das gleiche tun. Nur um am anderen Tag, alles über Bord zu werfen wofür sie gestern ermahnt haben, um einer anderen Politisierung folgend und sich dem nächsten Druck von Oben bückend, die nächste Füllung abzuholen.

Die Bereitschaft sich als Mitläufer immer wieder anzupassen ist dem inneren Vakuum geschuldet, dessen Sog nicht nur eine Füllung ermöglicht, sondern auch die Fremdbestimmung und Fremdbefüllung anzieht.

Es müssen nicht viele entnazifiziert werden, denn die meisten sind nicht überzeugt, sie laufen nur mit. Was sie brauchen ist eine innere Haltung die sie ausfüllt. Dann wird die Hülse zur reichhaltigen Frucht.
Es hat sich also nichts verändert und der Versuch, durch Staatsformen Menschen dazu zu bringen, sich ihrer Ideologien zu entledigen, ist ein Trugschluss, da es sich nicht wirklich um idealistisch vertretene Ideologien handelt.

Menschen werden demnach auch nicht zu demokraten, nur weil sie in einer Demokratie leben und sich der Möglichkeit der Wahlen bedienen.
Menschen sind genauso wenig von der Idee der Freiheit getrieben, sie herrscht nur als Füllung vor und wird auf die Fahnen geschrieben, damit man einen pathetischen Euphemismus hochhalten kann. Was sie antreibt ist der Wunsch nach Sicherheit.
Mit diesem Wissen wird dieser Begriff der Freiheit, genauso wie der Begriff der Demokratie gerne von den Herrschenden zum Anschein des Wohlwollens uns vermeintlich liebevoll, aber gehörig um die Ohren geschlagen. Der traumatisierte und normopathische Mensch kann aber mit Freiheit und Demokratie nichts anfangen. Was er tatsächlich haben will sind die genauen Gegenteile. Sicherheit und Diktatur. Er will gesagt bekommen, was er zu tun hat, weil er die Sicherheit der Freiheit vorzieht. Von gehegten Ängsten zur Sicherheit getrieben und durch erschwerende Schikanen der Herrschenden an der Aufklärung gehindert, bleibt der Mitläufer unmündig und hohl. Das wird er für sich und das System an sich aber nicht als Betrachtungsweise zulassen (können).
So ist das halt mit den psychologischen Dispositionen. Sie quellen aus dem unbewussten hervor und sind uns nicht ohne Weiteres gewahr. Jedoch sind sie, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst und im klaren sind, vorhanden. Es bedarf geeigneter Reflexionen um uns zu erkennen.


Leider haben wir im Umgang mit Reflexionen uns eine seltsame Kultur angeeignet. Es entspricht dem gerade geschriebenen. Denn wir nutzen Spiegelungen vorwiegend um uns zurecht zu machen. Wir schauen morgens in den Spiegel und nutzen ihn um uns salonfähig zu machen. Haare schön, Schminke drauf… tadaa… fertig zur Präsentation. Doch wer fährt sich abseits der Gestaltung durch die Haare um zu begreifen.
Übertragen auf soziale Spiegelungen erkenne ich ähnliches Verhalten. Kaum bekommt man vermittelt, dass man mit der Art wie man ist auffällig aneckt, neigen wir dazu dies zu vermeiden. Wir tragen psychologische Schminke auf und frisieren unsere Persona, bis es passt, oder auch darüber hinaus, bis auf Hochglanz. Doch genau hinzuschauen und zu begreifen, was uns das reflektierende Gegenüber vermittelt, steht gerne im Hintergrund. Vordergründig reagieren wir auf die Reflexion die meist aus einer Bewertung besteht. Doch sind wir keine Objekte, auch wenn wir uns gerne diese Schuhe anziehen. Vielmehr könnten wir zwischen den Zeilen lesen, uns nicht selber zum Objekt anderer Bewertungen machen und daraus erkennen, was uns als Subjekt ausmacht.

Was dieses Erkennen im Spiegel mit sich bringt und das dies nicht immer angenehm ist, ist ein anderes Thema.

Wenn wir lernen uns im Spiegel zu begreifen und zu ertragen haben wir eine Chance. Solange passen wir uns an und laufen mit.

SvS – 16.07.2020

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